Wasserrüben waren unsere Schokolade

Station Bad Aiblingen

Bad Aibling, eine Autostunde südlich von München. Im Seniorenheim Haus Wittelsbach kommen wir auf die Minute pünktlich an, 13.30 Uhr. Wir glauben, wir haben noch wie geplant eine Stunde Zeit um uns mit der Umgebung vertraut zu machen, doch der junge Chefkoch empfängt uns direkt und führt uns zu den 5 Damen, die schon neugierig auf uns warten. Zeit ist eben relativ und wir beginnen sofort. Das heisst, zunächst begrüsst uns der sehr engagierte Geschäftsführer Herr Mocnik und wir werden direkt damit konfrontiert, dass es sich um ein Haus der 7. Tagsadventisten handelt. Wir sind erst mal überrascht und fragen uns, ob wir bei einer Sekte gelandet sind. So bekommen wir einen crash-Kurs zum Thema 7. Tagsadventisten, einer christlichen Glaubensgemeinschaft. Paralysiert hören wir, dass die gesunde Lebensweise ohne Alkohol und Zigaretten und gesunde Ernährung (u.a. kein Schweinefleisch) dazu führt, dass die 7.Tagsadventisten wohl eine um 9 Jahre höhere Lebenserwartung haben – den fünf Damen, die wir heute treffen und die alle um die 90 Jahre sind, sieht man ihr Alter jedenfalls nicht an.

Die Damen haben sich seit Tagen perfekt vorbereitet und zusammen mit dem Küchenleiter Herr Schmidt und dem Hausleiter Herr Mocnik Rezepte aufgeschrieben. Wir gehen gemeinsam alle Rezepte durch und beginnen, den verdammt leckeren Blaubeerkuchen zu verspeisen den wir vorher noch schnell bei einem Bäcker in Bad Aibling gekauft hatten.

„Bei uns gab es zu jedem Essen eine Suppe“
„Die Brühe nie wegschütten“
„Wasserrüben war unsere Schokolade“

Wir hören bewegende Lebensgeschichten der Seniorinnen. Hier in Bad Aibling kommen sie aufgrund ihres Glaubens aus ganz Deutschland zusammen. Wir staunen über den hohen Anteil von Vegetarierinnen in der Runde, meistens aus Familien in denen auch schon die Mütter Vegetarierinnen waren. Es wird schnell klar, dass wir am zweiten Tag gemeinsam vegetarisch kochen werden. Also komplett anders als wir das in Bayern erwartet hätten.

Als die zauberhafte Frau Kraut an der Reihe ist, brauchen wir ein paar Minuten um zu verstehen, dass sie bevor sie zur „Bewohnerin“ wurde mehr als 20 Jahre die Küche hier im Haus Wittelsbach geleitet hat und täglich für mehr als 100 Menschen kochte. Sie schwärmt von Schrotklopsen mit Kapernsoße, also im Grunde vegetarische Königsberger Klopse. Wir sind super gespannt wie die schmecken und beschliessen, dass dies morgen die Hauptspeise wird. Dazu… was sonst … Salzkartoffeln und Salat. Wir stauen über die 18 Eier im Rezept auf 375g Gries und 375g Brösel, werden aber am nächsten Tag schmecken, dass hierin genau das Geheimnis der wunderbaren Konsistenz liegt. Und darin, mit dem Salz bei diesem Rezept nicht zu geizen.

Sehr lebhaft sind die Gespräche über selbst eingelegte Gurken und selbstgemachtes Sauerkraut. Wir erfahren, dass man für die Gurken statt Weinblättern auch Sauerkirschblätter verwenden kann.

Alle haben früher als Kinder geholfen, Sauerkraut zu machen und alle denken total positiv daran zurück.

„Als Kinder haben wir das Sauerkraut frisch aus der Tonne gegessen, es musste triefen“

Frau Hubers Augen blitzen, als sie das Rezept für „Quarkplätzla“ vorschlägt. Das klingt gleichermassen spannend wie einfach. Eine Art Käsekuchenmasse die in der Pfanne zu „Plätzla“ gebacken wird. Dazu gibt es wie früher: Zucker. Damit ist der Nachtisch für den nächsten Tag gesetzt.

„Wasserrüben war unsere Schokolade“

Die Damen erzählen von armen Zeiten in den sie das naschen von Wasserrüben direkt vom Feld wie eine Süssigkeit empfunden haben und davon, dass die Blaubeeren für die Eierkuchen erst mühsam selbst im Wald gesammelt werden mussten. Damit die Beeren nicht von den Eierkuchen rollten wurden sie sanft mit einer Gabel angedrückt.

Die Frage danach, welche Vorspeise wir morgen kochen sollen wird mit „Bei uns gab es zu jedem Essen eine Suppe“ beantwortet. Und weil Bärlauch direkt hinter dem Haus wächst, entscheiden wir uns für eine Bärlauchsuppe. Dafür sollen wir die Brühe („Die Brühe nie wegschütten“) der Schrotklösse verwenden.

Unsere lebhafte Diskussion zu Rezepten von früher führt uns von Weihnachtsgerichten „Sauerbraten“, „Forelle“, „Hirschbraten“ zu Mohnklößen an Silvester und zu Nudelsuppe aus selbstgemachten Nudeln, die sich Frau Kraut als Kind zu jedem Geburtstag gewünscht hat.

Wir reden über Backhändel, von denen es bei Frau Huber nur einen für die ganze Familie im Herbst gab, weil der Rest verkauft wurde. Dazu gab es natürlich … Kartoffeln.

Wir verabschieden uns und für den ersten Tag, ernten noch den Bärlauch hinterm Haus und kaufen alle Zutaten ein.

Tag 2 beginnen wir mit der Erkenntnis, dass die Grossküche nur bedingt für die alten Damen geeignet ist da sie keine Möglichkeiten zum Sitzen aufweist und viele der Damen nicht mehr lange stehen können. So bleibt Cathrin in der Küche und Jörg richtet sich mit den Seniorinnen einen Arbeitstisch im Aufenthaltsraum ein.

Die fünf haben sofort grosse Freude beim Kartoffelschälen und sprechen direkt den Heimleiter an, der interessiert vorbeischaut. Es kommt sofort der Vorschlag, dass man das doch öfter machen könnte. Nein, das Ganze einen Vorschlag zu nennen, wird der Intensität der alten Damen nicht gerecht. Sie reden eindrücklich auf den Heimleiter ein und nehmen ihn wie einen Sohn in die Pflicht, sich darum zu kümmern.

Während Cathrin in der Küche unter Aufsicht von Frau Kraut das Schrot für die Schrotklösse mahlt, bereiten die anderen vier Damen den Teig für die Quarkplätzchen zu. Es ist eine total schöne ausgelassene Stimmung am Tisch und Frau Räcker schleckt verschmitzt die Rührlöffel ab.

Bei Frau Huber macht sich etwas Nervosität breit, weil ihr der Teig für die Quarkplätzla deutlich zu dünn scheint. Ihr Gesicht zeigt tiefe Furchen und wird sich erst bei Tisch entspannen wenn wir schmecken, dass die Quarkplätzla ein Traum sind. Wir diskutieren gemeinsam den möglichen Grund für den zunächst etwas dünnen Teig und kommen zu dem Entschluss, dass der hausgemachte Quark von früher deutlich trockener als der gekaufte von heute ist.

Als Erkenntnisse und Eindrücke dieser Station nehmen wir mit:

  1. Die Freude beim mitkochen/selberkochen ist sofort da.
  1. Erinnerungen an das Essen von früher sind mit sehr viel Glück und Zufriedenheit verbunden, auch wenn es arme Zeiten waren.
  1. Es muss nicht immer Fleisch sein, vegetarische Königsberger Klopse sind sensationell gut (und günstig).