Sommer, Sonne, Weinsauce

Station Sinzheim

Der Sommer in Sinzheim empfängt uns mit einer tropischen Umarmung. Als wir frühmorgens in Berlin gestartet sind, war an solche Temperaturen absolut nicht zu denken. Caros knallgelbe Regenjacke erinnert uns kurz daran. Die Sonne stimmt uns fröhlich und wir freuen uns auf Kaffee, Kuchen und Rezepteplausch.

Die Damen am Tisch sind Freundinnen und auch wir werden direkt in die Runde integriert. Sie erzählen uns von Kinderstreichen, romantischen Liebesgeschichten (die wir hier natürlich nicht teilen werden ;)) und jeder Menge kulinarischen Erinnerungen.

„Heute ist alles entweder nostalgisch oder utopisch“

Früher war die Küche bodenständig, praktisch und an den finanziellen Mitteln orientiert. Wer wenig Geld hatte, nahm statt Rindfleisch eben Pferdefleisch. Für Rouladen zum Beispiel. Oder für Sauerbraten. In jeder Stadt gab es damals einen Pferdemetzger. Doch ob mit Rind- oder Pferdefleisch, Wein gehört laut der Damen immer an eine Rouladensauce.

 

Jeden Samstag wurde gebacken. Der Kirchenplotzer ist ein Brotauflauf, ähnliche wie der Ofenschlupfer, den wir schon aus Nürtingen kennen. Statt mit Äpfeln wird er eben mit Kirschen gemacht. Und natürlich einem Schuss Kirschwasser. Bleiben die Steine in den Kirschen wird der Plotzer auch Spuckkuchen genannt.

Frau Ernst ist eine echte Sinzheimerin. Für sie sind Bubespitz (Schupfnudeln) mit Speck und Sauerkraut das nonplus ultra. Dazu als Dessert eine süße Weinsoße – eine Art Pudding. Oh das klingt spannend und beide Gerichte kommen in unsere Mahlzeitplanung.

 

Am nächsten Tag kochen wir direkt im Eingangsbereich des Hauses. Möglich ist das durch eine kleine, mobile Küche. Zwei Kochplatten, eine Spüle und zum Rollen. So kann praktisch in allen Räumen gekocht werden. Perfekt! Das sollte es öfter in Seniorenheimen geben finden wir!

Als Vorspeise gibt es Räucherforelle mit Feldsalat und Meerrettichsoße. Als Hauptgang Bubespitzle mit Sauerkraut und Speck. Nach einer kurzen Diskussion, ob die Bubespitzle aus Mehl oder Kartoffeln gemacht werden sollen, entscheiden wir uns für die Kartoffelvariante. Dazu werden die gekochten Kartoffeln durch eine Presse gequetscht. Frau Braun übernimmt das ohne mit der Wimper zu zucken und man staunt mit welcher Kraft sie das macht. Gelernt ist gelernt – sie hat ihr ganzes Leben als Wirtschafterin in einem Haushalt für sieben Personen gekocht. Ein bisschen Mehl und Eier ran. Viel Eier.

„Mit Eiern darf man nicht sparen. Man nimmt soviel Eier wie der Teig schlucken kann.“

Dann geht’s ans Spitzle formen. Nicht zu groß, sonst sinds Großväterle. Am Ende haben wir Berge von Schupfnudeln und können damit das ganze Haus versorgen.

 

Bei der Weinsoße halten wir uns genau an die Anweisung von Frau Ernst und nehmen ausschliesslich Wein. Andere machen wohl halb Wasser, halb Wein – aber das ist dann keine richtige Weinsoße. Auf jeden Fall schmeckt das so lecker, dass wir trotz voller Bäuche noch eine zweite Schüssel essen. Entsprechend steigt die Stimmung und eine der Damen stimmt ein Liedchen an. Hell die Gläser klingen…scheint hier oft gesungen zu werden, denn auf einmal singen alle. Erschüttert darüber, dass wir den Text nicht kennen wird einer der Mitarbeiter losgeschickt, um uns das Lied auszudrucken. In der Zwischenzeit ist auch die dritte Portion Weinsoße gegessen und das Singen fällt auch uns ganz leicht. Doch langsam werden die Augen der Runde schwer.

„Eine richtige Weinsoße zieht einem die Schuhe aus. Danach macht man erst mal ein Nickerchen“

Oh ja, genauso fühlen wir uns. Nicht so Frau Ernst und Frau Bitterwolf. Die beiden sind schon wieder auf dem Sprung zum wöchentlichen Klassentreffen in ihr Stammcafe. Was für eine Energie. Da könnten manch 30Jährige neidisch werden.

Schade, dass wir direkt weiterreisen müssen. Nach vielen Umarmungen und Händedrücken verabschieden wir uns. Beschenkt mit Blumen und, wie soll es anders sein, einer Flasche Wein.

Noch lange unterhalten wir uns in der Bahn darüber wie schön diese Kochrunden für alle doch sind, und wie einfach eigentlich umzusetzen. So eine mobile Küche ist toll – das sollte doch überall machbar sein.