Endlich ein Mann

Station Köthen

Das allerschönste in Köthen ist, das endlich mal ein Mann beim Kochen dabei ist. Herr Mölle war Metzger und als er in der Runde langsam auftaut, spult er die Rezepte nur so runter. Sein Eisbein gefüllt mit Gehacktem klingt sensationell gut.

Wir entscheiden uns am nächsten Tag für Brühe mit geschnittenen Eierkuchen als Vorspeise, natürlich für Klöße mit Braten vom Schweinekamm und selbstgemachtem Rotkraut. Als Nachtisch soll es schlesischen Streuselkuchen nach dem Rezept von Frau Osterland geben. Sie ist überglücklich, weil sie ihn so lange nicht mehr gegessen hat.

Für das Kochbuch notieren wir uns zusätzlich in jedem Fall Filsen, eine Art Auflauf aus alten Brötchen, Ei und Speck… Schichtkohl, Kartoffelpuffer und Eierkuchen mit Buttermilch und natürlich das gefüllte Eisbein.

Eine der Damen begrüsst uns am zweiten Morgen glücklich mit dem Satz, dass sie den ganzen Abend nach unserem Treffen über Rezepte von früher nachgedacht hat und in Erinnerungen schwelgte. Kulinarische Erinnerungen.

Herr Mölle gibt Anweisungen für den Schweinbraten, Frau Osterland bereitet den Hefeteig und der Rest schält Kartoffeln, Zwiebeln und Äpfel. Dabei werden die einzelnen Kartoffeln etc. den Damen von Herrn Mölle angereicht. Ganz der Gentleman. Er selbst kann mit seinen Händen nicht mehr gut das Gemüse zum Schälen halten. Als die Damen sich beschweren das die Messer viel zu stumpf sind, beisst Herr Mölle die Zähne zusammen- man sieht das im das Halten schmerzen in den Händen bereitet – und schärft ein Messer nach dem anderen mit über Jahrzehnten geübten Bewegungen.

 

Jörg schneidet das Rotkraut mit einem grossen Messer, nach dem alle Damen signalisierten, dass sie mit ihren Händen eine solche Arbeit nicht mehr schaffen. Aber ganz offensichtlich ist er dabei zu langsam und ehe er sich versieht, schneiden drei der Damen doch den Rotkohl. Jede mit ihrer eigenen Technik. Die ein so wie man frühere einen Laib Brot geschnitten hat mit dem Messer zum Körper hin, die anderen klassisch auf dem Brett.

 

Die rohen Kartoffeln werden gerieben und in Leinentüchern ausgewrungen. Es entfacht sich eine bunte Diskussion darüber, wie die Klöße richtig zubereitet werden. Zum Schluss ziehen wir als Autorität den Koch Herrn Henschel zu rate und entscheiden uns für das einfache Mischen von Rohen und gequetschten gekochten Kartoffeln, Eier und Kartoffelmehl. Herr Henschel ist eine Institution und ein Ausnahme-Küchenleiter. Er schreibt jeden Rezeptvorschlag mit, ist total interessiert und die Bewohner des Altenheims lieben ihn und seine offensichtlich hervorragende Küche. In seiner Küche werden selbst die Brühen selbst gemacht und nicht aus Pulver angerührt. Herr Henschel hat auch schon vor einiger Zeit eine Schnippelgruppe im Seniorenheim eingerichtet. Diese kommt ein bis zweimal pro Woche zusammen und arbeitet dem Küchenleiter zu. So einfach kann Beteiligung offensichtlich sein.

 

Am Nachbartisch duftet es nach den Streuseln die gerade von Frau Osterland geknetet werden. Für den Streuselkuchen beschliessen wir dann lieber doch die doppelte Menge Streusel zu machen, denn alle wollen schon etwas aus der Schüssel naschen.

Herr Mölle steht am Rotkrauttopf und überprüft gewissenhaft alle paar Minuten Geschmack und Konsistenz. Das macht uns neugierig und nach dem wir selbst was aus dem Topf probieren ist uns klar, warum der Mann hier steht: Das Rotkraut ist sensationell gut geworden. Neben dem Rotkrauttopf bekommt Jörg von Herrn Mölle, der Stolz auf seine noch echten Zähne ist, praktische Lebenstipps. Nach seiner Meinung werden Zähne von Bonbon lutschen und vom Küssen locker.

Frau Osterland hat das schlesische Kließla-Lied für uns kopiert und gleich noch eine handschriftliche, wunderbare Übersetzung dazu geschrieben, damit wir auch alles verstehen.

 

Als es auf das Essen zugeht nimmt Herr Mölle Jörg zur Seite und erklärt ihm, wie das Fleisch auf einem Holzbrett aufgeschnitten werden muss, damit es gut aussieht. Ganz der Metzger.

Zum Essen haben sich die Damen „Bacchuswein“ gewünscht – lieblich… Trotz unserer Skepsis schmeckt er gut gekühlt gar nicht so schlecht und passt gut zum deftigen Essen. Frau Osterland trägt das Kließla-Lied vor und wir lauschen neugierig.

Frau Kretschmann erzählt am Tisch, dass sie früher auch die Nudeln selbstverständlich selber gemacht haben und schwärmt von Quarkkeulchen. Auf die Frage nach dem Rezept gibt es die Antwort „alles halt frei Schnauze …. und nachher wurden sie in Zucker gewälzt. Dazu eine Tasse Bohnenkaffee …“