Der Borschtsch ist eine Wissenschaft für sich

Station Dillenburg

Im Hotel agekommen werden wir begrüßt mit „Ah die Berliner – seid ihr Veganer?“ Eine interessanter Zusammenhang, den wir zwar nachvollziehen können, aber verneinen. Im Gegenteil die letzten Wochen waren geprägt von Braten, Tafelspitz und Ähnlichem.

Auch in Dillenburg drehen sich viele unserer Gespräche um Fleisch. Gerade weil es nicht alltäglich war, sondern kostbar. Damals war es noch üblich, selbst Tiere zu halten. Zum Schlachten kam die ganze Familie zusammen, es wurde alles vom Tier verwertet. Nichts kam weg. Auch nicht die Innereien. Frau Beck erzählt uns vom „Kalbs-Beuschel“ einem typischen Innereien-Gericht.

„Niere muss rein, Lunge muss rein und Herz muss auch rein. Das ganze kocht man dann in Wasser bis es gut ist“.

Cathrin ist ganz begeistert und tauscht sich fachmännisch mit Frau Beck darüber aus, ob auch Pansen in das Beuschel kommt. Frau Beck verneint „Nein das war ja für den Hund.“ Nicht alle Damen können die Begeisterung für Innereien teilen, so dass wir das Gericht zwar unbedingt mit ins Kochbuch nehmen wollen, aber am nächsten Tag doch etwas anderes kochen werden.

Rouladen; die schmecken! Da sind sich alle einig. Frau Mäcker, gebürtig aus Magdeburg, hat ein Rouladenrezept, dass sie bereits von ihrer Großmutter übernommen und das sie auch an ihre eigenen Enkel weitergegeben hat. Absolut wichtig: das Fleisch muss aus der Oberschale vom Rind sein. Sonst wird es nicht zart. Gefüllt mit Gehackten halb und halb, mit Paprika und sauren Gurken, eingestrichen mit Senf. Dazu Rotkohl und Salzkartoffeln. Ein Klassiker.

Als süßen Gegenpol zu all dem Deftigen erzählt uns Frau Christ von ihrem Lieblingsgericht. Apfelreis aus dem Ofen. Dazu passt auch der Kartoffelkuchen von Frau Seibelt, den man zusammen mit Butter und Konfitüre serviert. Da gerade Erdbeerzeit ist, werden wir die Konfitüre frisch machen.

Dann ist Frau Wolters an der Reihe. Sie kommt aus Nord-Sibirien und wir lauschen gespannt ihren Ausführungen zum Borschtsch. „Der Borschtsch ist eine Wissenschaft für sich.“ Eine schwierige Suppe, aber eine die schmeckt.

„Eine Suppe das muss dicke Suppe sein. Dünne Suppe essen die Russen nicht.“

Das wichtigste im Borschtsch sind Rote Bete, Kartoffeln, Sauerkraut und Knoblauch. Alles andere war je nach Verfügbarkeit austauschbar oder musste ganz weggelassen werden. Frische Produkte gab es aufgrund des harten Klimas in Sibirien nur selten. Man hat die Dinge haltbar gemacht und musste warten, bis die Händler neues brachten.

Ein gewissen Pragmatismus birgt auch der „Kaffee-Igel“ von Frau Landgraf. Frau Landgraf war ihr ganzes Leben berufstätig und hatte daher wenig Zeit zum Kochen und Backen. Der Kaffee-Igel ist eine Süßspeise, den sie schon von ihrer Großmutter kannte und der ganz ohne Backen gemacht werden konnte.

Das Kochen am nächsten Tag macht allen großen Spaß. Die Rouladen werden unter fachmännischer Anweisung von Frau Mäcker gerollt, dann scharf angebraten und schließlich mit Rotwein abgelöscht. Davon soll ruhig viel ran und das was übrig bleibt, trinken wir selbst.

Frau Seibelt ist mit dem Kartoffelkuchen beschäftigt. Man sieht ihr die Freude an, diesen nach langer Zeit wieder einmal zu backen. Kein Handgriff ist vergessen, das Gefühl für die richtige Menge der Zutaten ebenfalls nicht. Es ist schon beeindruckend, wie manche Erinnerungen für immer in unserem Gedächtnis bleiben.

Der Duft des im Ofen backenden Kuchens mischt sich mit dem, der vor sich hin blubbernden Erdbeerkonfitüre. Und als wir dann endlich am Tisch sitzen und von all den Dingen kosten können zeigt sich wieder einmal, dass es gerade die ganz einfachen Dinge sind die irgendwie glücklich machen. Warmer Kartoffelkuchen mit frischer Erdbeerkonfitüre!