Bis die Dampfnudeln singen

Station Wolfegg

Ein paar Minuten bevor wir das Seniorenwohnpark Marientann in Wolfegg erreichen, verlassen wir das Handynetz. Nicht mal ein Balken, einfach gar kein Netz. Komisches Gefühl für uns Stadtmenschen – offline sein. Aber irgendwie genau richtig. Denn was könnte wichtiger sein, als echte Gespräche über echte Erinnerungen.

Unsere Tischrunde beginnt mit einem schönen Zitat, dass wir Mädels uns gleich hinter die Ohren schreiben:

„Wer keine Zwiebeln schneiden kann, der sollte auch nicht heiraten. Und wer kein Brot mit dem Messer schneiden kann – der auch nicht“

Auf unsere Frage, ob das für Männer und Frauen gilt lachen alle und stimmen uns zu, dass muss heutzutage natürlich auch für die Männer gelten. Ach wie schön – so was lernt man nicht vom Iphone.

Auch nicht so herrliche Gerichte wie die „Bohnen-Spatzen“ von Frau Bosch. Saure Bohnen mit selbstgemachten Spätzle. Da wir bisher noch keine Spätzle gemacht haben, ist schnell klar, dass wir das unbedingt nachholen müssen.

Frau Horn erzählt uns, dass sie erst mit dem Kochen begonnen hat, als sie geheiratet hat. Aus lauter Respekt vor ihrer Schwiegermutter, hat sie an einem Spätzle-Schab-Kurs im „Schwäbischen Frauenkreis“ teilgenommen. Das ist die Originalherstellungsweise: der Spätzle-Teig wird mit zb. großen Messer direkt von einem Holzbrett in den Topf geschabt.

„Während die anderen beim Tanzen waren, habe ich Spätzle geschabt.“

Es stellt sich heraus, dass Frau Horn die Einzige in der Runde ist, die Spätzle tatsächlich schaben kann. Damit erntet sie große Anerkennung bei den anderen Damen, die zwar alle aus der Gegend sind und Spätzle sozusagen Lokalspeise, aber die entweder eine Spätzle-Presse oder Reibe verwenden.

Von den Spätzle kommen wir mal wieder zu Kartoffelsalat. Obwohl wir nun schon zahlreiche Kartoffelsalat-Rezepte haben, so lernt man doch immer weiter Kniffe und Tricks. „Das Öl für den Kartoffelsalat kommt erst zum Schluss rein. Dann glänzt er so schön und bleibt schlotzig (glitschig)“.

Frau Corde kommt ursprünglich aus der Nähe von Prag. Eine Sache die ihr besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der Kleckselkuchen – ein Hefekuchen der aus vielen verschiedenen Belegen besteht: Quark, Äpfel, Zwetschgenmus, Mohn und Preiselbeeren. Und oben drauf viele, viele Butterstreusel. Der Kleckselkuchen wurde typischerweise zu Hochzeiten gemacht.

„Alle sind zum Kleckselkuchen-Essen gekommen. Da blieb nichts übrig“

Von Frau Corde bekommen wir auch das lustig klingende Stoppelfox Rezept. Fein geriebene, rohe Kartoffeln mit Pfeffer und Salz und einem Ei zusammen mit klein geschnittener Zwiebel vermengen. Den Teig so dünn wie möglich in einer Pfanne mit Butter ausbacken und ganz ganz knusprig backen.

Trotz der vielen Rezeptideen haben wir uns für die Sauren Spatzen und für Dampfnudeln mit Kirschkompott und Vanillesoße entschieden. Da es nur eine Küche im Haus gibt, beginnen wir etwas später als gewohnt. Das macht den Damen aber nichts aus – alle freuen sich sehr aufs gemeinsame Kochen. Bohnen schnippeln, Kirschen pulen, Spätzleteig machen, schnell sind die Aufgaben verteilt.

Wir sind beeindruckt, dass Frau Luleich die Kirschen im Ganzen entsteinen kann. Uns selbst gelingt das nicht, wir müssen wir die Kirschen in der Hälfte schneiden.

Für die Sauren Bohnen und Spätzle übernimmt Bosch die Leitung. Eine wahre Wissenschaft ist die Zubereitung der Brenne – auch Mehlschwitze genannt. Als Basis nimmt man das Bohnenwasser, dazu Butter und Mehl und gehackte Zwiebeln. Bei langsamer Hitze und ständigem Rühren werden die Zwiebeln ganz langsam braun. Fast eine halbe Stunde ist Frau Horn mit der Brenne beschäftigt.

 

„Die Brenne braucht Zeit!“

Währenddessen macht Cathrin die Dampfnudeln. Aus dem Teig werden Klöße geformt und dicht in den Topf mit Milch gelegt. Dann wird der Topf mit einem Tuch abgedeckt plus Deckel drauf. Entscheidend ist, dass der Deckel nicht gelupft wird. Sonst fallen die Dampfnudeln zusammen. Eine genaue Zeitangabe wie lange die Nudeln „dampfen“ müssen gibt es nicht. Stattdessen einen wunderbaren Satz.

„Bis die Dampfnudeln zu singen anfangen“.

Und in der Tat, irgendwann beginnt es im Topf zu summen. Die Nudeln sind fertig. Die Damen stimmen ein Lied an und wir singen mit: „Dampfnudeln hamm mir gestern ghabt, Dampfnudeln homm mir heid, Dampfnudeln hamm mir alle Tag, weil’s uns so gfreid‘.

Uns freut es auch. Wir servieren zuerst die Sauren Bohnen und die Spätzle die so was von lecker sind, dass wir einen Nachschlag nach dem anderen nehmen. Danach die Dampfnudeln mir Kirschen und Vanillesoße. Ebenfalls zum umfallen lecker.