Beim Arbeiten hat uns noch keiner fotografiert

Station Kassel

Frau Lerche die Verpflegungsleiterin empfängt uns und wir merken gleich, dass hier Entschleunigung und Herzlichkeit zu Hause sind. Bevor wir die ersten Senioren kennen lernen, sehen wir zwei Hunde, die entspannt auf dem Boden des Tagespflegeraumes liegen und wie bestellt den Eindruck der absoluten Gelassenheit bestätigen. Der Tagespflegraum ist im Grunde eine ziemlich grosse, offene, licht durchflutete, moderne Wohnküche. Wir sind beeindruckt und ich gebe zu, dass ich mir so ein „Altenheim“ nicht vorgestellt habe.

6 Senioren, aus den Wohngruppen im Haus gegenüber, treffen ein und das Hausteam überrascht uns mit dem spontanen Entschluss noch 6 Senioren aus der Tagespflege mit dazu zu nehmen. So finden wir uns aufgeregt – es ist unser erster Termin und im Grunde wissen wir nicht was uns erwarten wird – in einer ziemlich grossen Runde wieder.

Wir fragen nach den Lieblingsrezepten von früher und es geht los. Roulade, Roulade, Roulade, Gänsebraten mit Grünkohl, Rinderbraten und Salzkartoffeln, Klöße mit Schweinebraten, Suppen … Frau Stubbe kommt aus Hamburg und ihre Augen Leuchten, als sie uns Fischgerichte vorschlägt, Karpfen, Schleihe, Forelle, Matjes („aber nicht so, wie die hier das essen …“)

Spontan begeistert uns Grünkohl mit geräucherter Schweinebacke und es entfacht sich eine Diskussion über die richtige Füllung für Rouladen. Wir lernen, dass die meisten die Füllung mit Gurken bevorzugen aber es gibt auch eine interessante Variante mit Schweinehack gefüllt.

Auf dem Höhepunkt der Schwelgerei – unsrem Team knurrt längst der Magen – wird die Runde aber auch nachdenklich und die Gedanken an früher rufen auch Erinnerungen an Entbehrungen wach. Alle haben den Krieg erlebt und es musste mit dem gekocht werden, was da war. Viele hatten einen Garten und wir merken wie positiv die Erinnerungen an den Garten besetzt sind, aus dem man gekocht hat, was gewachsen ist. Der Zwang zur „Fantasie in der Küche“ aus der Not geboren, führt zu weiteren Erinnerungen. Wir sprechen über Kabeljau und über Lammbraten und beim Lammbraten gibt es viele mmmhs und aaahs und alle sind sich einig, dass es das heute fast gar nicht mehr gibt. Wir reden über die Qualität von Lämmern und das Milchlämmer besonders zart sind und ich bin überrascht weil ich nicht wusste, dass früher Lamm in Deutschland offensichtlich eine kulinarische Bedeutung hatte. Schnell ist klar, wir werden morgen gemeinsam Lammbraten machen und zwar einen in Senf gebeizten und mit Apfelsaft gebratenen, gekocht nach den Erinnerungen von Frau Müller.

Wir reden weiter und die Diskussion der Rezepte wird von Minute zu Minute detaillierter. Kassler mit Schmand. Salat mit Pimpinelle aus dem eigenen Garten. Grüne Soße aus 7 Kräutern. Selbst gemachter Pudding und eingekochtes Obst. Selbstgemachtes Rotkraut („früher hatte jede Familie einen Hobel“).

Auf Nachfragen zu genauen Mengen bekommen wir meist Sätze zu hören wie: „ein bisschen hiervon, ein bisschen davon …“

Als Vorspeise für den nächsten Tag entscheiden wir uns gemeinsam für die Erbsensuppe mit Speck und Semmelklösschen. Die Rezeptgeberin kommt allerdings am Ende unseres Gesprächs auf uns zu und gesteht, dass sie das Suppenrezept noch nie gekocht hat, weil sie 40 Jahre berufstätig war und eigentlich nie gekocht hat. Das Rezept stammt von ihrer Schwester. Da sie es jedoch aus dem Gedächtnis sehr detailliert beschreiben konnte und wir schon sehr gespannt sind, wie die Suppe  schmeckt, entschliessen wir uns, das ganze in jedem Fall am nächsten Tag gemeinsam zu kochen. Als Nachtisch soll es Grießpudding mit Rhabarberkompott geben.

Abends im Hotel sitzen wir vom Team zusammen und schauen uns die Bilder des ersten Tages an. Unserer Fotografin Caro ist es wunderbar gelungen die Schönheit des Alters einzufangen. Wir bestaunen wunderschöne Bilder mit wunderschönen alten Händen, die schälen und kneten.

Am Tag 2 ist unsere grosse Runde auf 4 Damen geschrumpft die Anfangs total entspannt auf ihren Rollatoren sitzen und schauen, was wir da so machen. Unsere freundlichen Aufforderungen zum Kartoffelschälen werden zunächst mit einem nicht gerade begeisternden Zucken um die Mundwinkel quittiert. Viele sagen, es sei viele Jahre her, das sie selbst Kartoffeln geschält haben und man sehe nicht mehr gut und die Hände wollen auch nicht mehr… Die Sparschäler die wir den Damen geben, werden betrachtet wie unanständiges Zeug und wir kapieren schnell, dass wir einfach kleine Gemüsemesser brauchen. Nach wenigen Minuten sitzen unsere 4 Seniorinnen zusammen, schälen Kartoffeln , schnippeln Bohnen, kommandieren uns herum und wir haben den Eindruck, als hätten die Damen nie aufgehört, in der Küche zu arbeiten. Wir merken auch wie der Spaß bei den vieren wieder kommt. Dann fällt der wunderbare Satz „also beim Arbeiten hat uns noch keiner fotografiert“. Die Damen übernehmen immer mehr das Zepter und es fliegt sofort auf, dass der Lammbraten (den wir am Vorabend beim Metzger nur tiefgekühlt kaufen konnten) nicht die ganze Nacht mit Senf gebeizt wurde, sondern nur ein paar Stunden. Fragen nach der Garzeit des Lammbratens werden trocken mit einer gehobenen Augenbraue und dem keine Nachfrage duldenden Satz „bis er fertig ist“ quittiert. Ich lerne, dass man Rhabarber gar nicht schälen muss, wenn man ihn kocht und das man Petersilie vor dem Schneiden trocken tupft, damit sie nicht am Messer klebt.

Wir kommen ins Gespräch über Kaninchen die früher auch fast von allen selber gehalten und geschlachtet wurden. Wir tauchen tiefer in die persönlichen Geschichten ein, reden auch über die Berufe von früher. In der Gruppe ist eine Grafikdesignerin, die ihr ganzes Leben für VW gearbeitet hat und ich ertappe mich dabei zu staunen, denn ich war fest davon überzeugt, das dies ein Beruf ist, den es höchstens seit 20 Jahren gibt.

Zwischenzeitlich wird der Lammbraten im Ofen immer wieder mit Apfelsaft übergossen und wir beginnen mit der Zubereitung der Erbsensuppe. Die ganze Gruppe ist sich einig, dass die Erbsen dafür püriert werden müssen, aber Frau Wolf beharrt darauf, dass die Erbsen ganz bleiben – und setzt sich damit durch.

Am Herd wird Cathrin immer mehr von Frau Müller verdrängt, die nach und nach in Fahrt kommt.

Die Rabarbergrütze mit „Zucker nach Gefühl“ köchelt vor sich hin, der Speck für die Bohnen wird angebraten. Frau Müller ruft, dass ein bisschen Tomatenmark an den Lammbraten muss, aber „nicht zu viel, damit es keine Tomatensauce wird“.

Es ist 12.10 Uhr und wir merken den Damen an, dass sie hungrig sind und wir essen sollten. Wir beginnen mit der Erbsensuppe aus nicht pürierten Erbsen nach einem Rezept das eigentlich nicht von Frau Wolf ist …. Die Erbsensuppe zeigt sich nicht nur optisch wunderschön sondern auch geschmacklich geradezu sensationell. Alle sind sich einig, dass es ein grossartiges Rezept ist. „Ideen muss man haben“ sagt eine der Seniorinnen anerkennend.

Wir holen den Lammbraten aus dem Ofen und kurz scheint die Situation zu kippen, „so ein bisschen Sauce für so viel Fleisch“. Cathrin lässt sich jedoch nicht beirren und verlängert die Sauce professionell. Das Fleisch ist butterzart, findet die Anerkennung aller und wir entspannen uns das erste Mal. Der Apfelsaft ist in jedem Fall ein wirklicher Geheimtipp für diesen Braten und bringt eine ganz dezente Süße mit ganz leichter Säure, welche den Eigengeschmack des ziemlich guten regionalen Lamms unterstreicht.

Als wir den Nachtisch servieren, sind fast alle schon zu satt, aber die Rabarbergrütze mit echter Vanille ist ein Traum und alle geniessen schweigend. Wir prosten uns alle ein letztes mal zu und die Damen brechen auf in Richtung Mittagsschlaf. Die Verabschiedung ist sehr herzlich und wir merken, dass es jetzt eigentlich perfekt wäre, noch zwei Tage zu bleiben und weiter zu kochen.

Es waren zwei intensive Tage und wir sind beeindruckt vom Konzept der Habichtshöhe. Die Senioren wohnen dort in kleinen Wohngruppen mit eigenen Küchen, in denen von Mitarbeitern gekocht wird. Im besten Sinne dreht sich dort fast alles ums Essen. Wir sind noch einen Schritt weiter gegangen und haben MIT den Senioren gekocht. Wir sind berührt davon, das eine unserer 4 Seniorinnen, die wohl oft ohne Antrieb den ganzen Tag im Bett liegt, im Laufe der Kochaktion aufblühte und in ihrer trocken-humorvollen zupackenden Art die zwei Tage enorm bereichert hat. Es bestärkt uns in unserer These, wie wichtig das Thema Essen ist. Noch bevor unser gemeinsames Essen beendet war, wurde beschlossen, am nächsten Tag gemeinsam Kuchen zu backen.