Plum und Klütschen

Station Syke-Barrien

Bereits der erste Rezeptvorschlag („das war mein Leibgericht“) von Frau Lehmkuhl fasziniert uns. Backpflaumen und Klöße. Ausgelassener Speck. Süß-Sauer, mit Essig und Zucker. Plumknödel nennt ihre Tischnachbarin Frau Löhmann das Gericht und man sieht ihr die ganze Freude der Erinnerung an das Rezept aus Kindheitstagen.

Wir erfahren, dass früher zum Seniorenheim ein landwirtschaftlicher Betrieb gehörte. Heute erlaubt das die Hygiene nicht mehr. Wir machen uns sofort Notizen dazu, um das Thema später zu vertiefen. Auch wenn uns klar ist, dass das damals nicht so romantisch war, wie wir uns das heute vorstellen, scheint uns das dennoch ein spannender Ansatz für die Zukunft. Selbstversorgung.

Als Frau Cordes von früher erzählt, fällt der Satz

„ein bisschen hiervon, ein bisschen davon“

Ein Satz der so fluffig und leicht daher kommt, dass man ihn kaum wahr nimmt, der aber von epischer Bedeutung ist, weil er alles auf einen Punkt bringt: Man musste mit dem kochen, was es gab. Und man brauchte Kreativität und – heute würden wir es Koch-Skills nennen.

Frau Martens schwärmt von Schnippelbohnen mit Rindfleisch und wird sentimental und nachdenklich als sie sich an „Surampfsuppe“ in Ostpreussen erinnert. Eine Suppe aus Sauerampfer, die sie schon viel zu lange nicht mehr gegessen hat.

Irgendwie finden wir uns plötzlich in einer interessanten Diskussion zum Thema Dörrobst wieder, was man früher als Essen mit auf Feld nahm. Vom Dörrobst kommt die Runde von ganz alleine zum Thema Sauerkraut. Von Sauerkraut kommen wir auf Knipp, eine Grützwurst aus Hafergrütze, Schweinskopf, Schwarte, Leber und Brühe. Von Knipp kommen wir auf Beutelwurst, die auf Basis von Blut und Roggenmehl im Leinenbeutel gekocht wurde. Als Gewürze nahm man Pfeffer, Salz, Muskat und Majoran. Von Beutelwurst kommen wir auf „Grünkohl und Pinkel“ und lernen das Bremer Pinkel (Grützpinkel) und Oldenburger Pinkel (Fleischpinkel) gibt. Ein emotionales Thema wie wir sofort merken, aber bei einer Sache sind sich alle einig: Dazu gibt es einen Klaren.

Wir reden über Fisch. Fischpfanne und Kartoffelsalat. Dazu schmecken Steckrüben gut. Matjes, Speckaal …

… und landen bei Kuchen. Apfelkuchen mit Mürbeteig und Streuseln, bei dem über die geschnitten Äpfel, Zimt und Zucker und ganz viel Butter gegeben wird. Butterkuchen, Mohnkuchen. Dann reden wir über Bremer Klaben, eine regionale Spezialität, dem Stollen ähnlich aber deutlich massiver.

„Der Klaben muss gut gefüttert werden“

„Pfund auf Pfund“ kommen Mehl und Früchte (Rosinen, Nüsse, Orangeat, Zitronat, Mandeln ..)

Zum Ende des Nachmittags besprechen wir das Menü für den nächsten Tag. Surampfsuppe soll es als Vorspeise geben, als Hauptgericht auf jeden Fall „Plum und Klütschen“. Da sich dafür aber nicht alle begeistern können, beschliessen wir noch etwas mit Schnippelbohnen zu machen, vorausgesetzt wir finden die dafür benötigten, fermentierten Bohnen. Als Nachspeise soll es Rote Grütze geben. Auf Nachfrage welche Früchte dort reinkommen bekommen wir die Antwort „irgendwas was gerade auf dem Markt zu kaufen ist“.

Bevor wir in unser Hotel aufbrechen machen wir gemeinsam mit den Damen einen Spaziergang durch den Park, besuchen Ziege Susi und die Zwerghühner, bewundern die Hochbeete und den „Naschgarten“. Die Gartengruppe gibt es seit vielen Jahren und ist das best besuchte Angebot des Seniorenheims.

 

Tag 2 beginnen wir auf einer Wiese direkt neben unserem Hotel und ernten Sauerampfer für die Suppe. Schnippelbohnen haben wir leider keine bekommen und uns alternativ für Fisch mit Kartoffelsalat entschieden.

Im Seniorenheim erwarten uns heute noch drei Damen mehr. Die quirlige Frau Wichmann, die 102-jährige Frau Lohmann und Frau Ohrtmann.

Die acht Damen beginnen sofort routiniert mit Kartoffelschälen und Zwiebelschneiden. Wir bewundern Frau Lehmkuhl ,wie sie Zwiebel für Zwiebel schneidet ohne eine Träne zu vergiessen. Die Damen arbeiten so schnell, dass wir kaum mit Kochen hinter her kommen.

„Hauptsache viel Speck am Kartoffelsalat, Kartoffeln nicht so wichtig“

Da es keine Einigung bei der Zubereitung des Kartoffelsalates gibt, bereiten wir gemeinsam zwei verschiedene Kartoffelsalate zu, einer mit Öl und Speck, einer mit Majo, Eiern und Gurke.

Der Sauerampfer polarisiert ebenfalls den Tisch. Für die einen ist es Unkraut, für die anderen Kriegsessen und für die nächsten emotionale Heimat.

Frau Wichmann zeigt uns, dass der Fisch ganz ganz trocken sein muss damit er in der Pfanne nicht zerfällt. Eine der Damen ruft „die Fischstücke nicht zu klein machen“. „Und das Fett nicht zu knapp, damit der Fisch schön kross wird.“ Der Fisch wird nur in Mehl und Ei kurz gewendet. Dicke Panaden aus Paniermehl sind bei den Damen verpönt.

Der Tisch ist gedeckt und alle sitzen mit Freude auf das selbst zubereitete Menü. Die 102-jährige Frau Lohmann wünscht allen ein gesegnetes Essen und wir stoßen mit einem Glas Weissburgunder an.

Wir beginnen mit der extrem leckeren Sauerampfersuppe. Danach gibt es den Kabeljau und zweierlei Kartoffelsalat. Als wir zur zweiten Hauptspeise „Plum und Klütschen“ kommen, sind alle schon total satt. Die Klütschen sind ein bisschen fest geworden und vom Tisch gibt es zahlreiche Tipps „ein bisschen Backpulver dran machen“ oder „ein bisschen Quark“. Wir diskutieren auch Varianten mit Rotwein oder Schnaps.

 

 

Für die Rote Grütze mit der selbst gemachten Vanillesoße ist kaum Platz, aber alle kosten davon. Wir kennen die Runde erst seit 24 Stunden und dennoch fühlt sich das hier seltsam vertraut an. Zum Abschied fließen einige Tränen und eine der Damen sagt uns, dass es zwei so wunderschöne Tag für sie waren. Wir haben alle einen Kloß im Hals, größer als ein Klütschen…

Kochen ist nicht nur Erinnerung sondern auch in der Gegenwart als gemeinsames Kochen total schön, bereichernd und emotional.

 

Z U M   R E Z E P T